Freitag 21. bis Sonntag 23. Februar 2025
Die Reise beginnt mit der Radfahrt zum Bahnhof. Die Rhein-Neckar-Verkehrsgesellschaft (RNV) streikt mal wieder, diesmal habe ich es rechtzeitig erfahren. Die Straßen noch nass vom nächtlichen Regen, künden milde Temperaturen vom nahenden Frühling. Welch ein wunderbarer Morgen. Weniger angenehm ist die übliche Hektik im Bahnhof. Die Gänge sind für die Menschenmassen, die hier einlaufen, zu eng. Mir fällt kein anderer Bahnhof in Deutschland ein, in dem ich das so erlebt habe.
Der Regional-Express (RE) 70 steht schon bereit. 9.35 Uhr ist eine gute Zeit. Wenn möglich vermeide ich es, den Pendelnden in die Quere zu kommen. Bald füllt sich der kurze doppelstöckige Zug nach Frankfurt, der mit einer Fahrtzeit von einer Stunde und zehn Minuten etwa 30 Minuten länger braucht als der Inter-City-Express (ICE). Mit siebenminütiger Verspätung verlässt er den Bahnhof. Die weitere Fahrt wäre wohl problemlos verlaufen – in Frankfurt kommt der Zug sogar eine Minute zu früh an, der RE 30 nach Kassel Hauptbahnhof (Hbf) steht bereit und fährt pünktlich ab. Einer alten Gewohnheit folgend, steige ich allerdings schon in Kassel-Wilhelmshöhe aus, wundere mich über die frühe Ankunft und suche vergeblich Gleis 11. Schließlich überprüfe ich meinen Plan und erkenne den Fehler. Ich weiß, dass Göttingen von Kassel nur einen »Katzensprung« entfernt ist und etliche Züge da hin fahren, wie ein ICE, der gerade ankommt. Flugs steige ich ein und buche ein Ticket per Handy. Die 33 € hätte ich mir sparen können, kontrolliert werde ich nicht. In Göttingen erweist sich das Missgeschick als Vorteil, hat mir meine ICE-Aktion doch einen gehörigen Zeitvorsprung verschafft, so dass ich den früheren RE 2 nehmen kann und eine Stunde eher als geplant, nämlich um 15.26 mein Ziel erreiche.
Mein erster Gang führt zur Tourist-Info am Bahnhof, wo ein überaus freundlicher junger Mann meine Fragen kompetent beantwortet, z. B. die nach ökologischen Projekten in Hannover. So ist eine Förderung der Dachbegrünung (»City Roofwalks«) und eine »Schwammstadt« geplant. Die Bauarbeiten zu letzterer haben vor zwei Wochen begonnen und zwar exakt vor meinem Hotel in der Prinzenstraße. Dort eingecheckt, breche ich zu ersten Erkundungen auf. Auch hier streikt der ÖPNV, ÜSTRA genannt (Überlandwerke und Straßenbahnen Hannover AG), was mich kaum tangiert, da ich eh zu Fuß unterwegs sein möchte. Das Künstlerhaus in der Sophienstraße macht mich neugierig. 1856 erbaut, ist es eines der wenigen erhaltenen Baudenkmäler in der Innenstadt, die wie so viele im zweiten Weltkrieg stark zerstört wurde. In seinem Inneren befinden sich das Literaturhaus, der Kunstverein Hannover, der Hannoversche Künstlerverein, das Filmkunstkino der Stadt und die Stiftung Niedersachsen. Im Filmkunstkino erhalte ich einen Tipp, den ich später umsetzen werde. Im Kunstverein schaue ich mir die Ausstellung einer ukrainischen Künstlerin (Kateryna Lysovenko) an, die sich unter dem Titel »Animals« mit der Degradierung des Menschen zum Tier, u. a. auch im Krieg, beschäftigt. Dann geht es vorbei am Opernplatz zur Kröpcke-Uhr, einer der Treffpunkte in der Stadt, wo mich die Arbeit eines Pflastermalers begeistert. Die Niedersächsische Landeshauptstadt erscheint nicht nur dort am Schnittpunkt Georg-, Bahnhof-, Karmarsch-, und Rathenaustraße großzügig angelegt. Breite Straßen, große Plätze und viel Grün schaffen Weite, wie ich im Verlauf meines Besuchs immer wieder feststellen darf. Hannover ist mit über einer halben Million Einwohnerinnen und Einwohnern immerhin die Nummer 13 auf der Liste der deutschen Großstädte und wirkt auch so. Schon einmal war ich hier, 1994 für zwei Tage bei einem Kongress, habe aber keinerlei Erinnerung mehr an die Stadt.
Spontan dem erwähnten Tipp des netten Mitarbeiters des Filmkunstkinos folgend, lande ich hinter dem Bahnhof im Kino am Rasch-Platz. Die Sitze sind bequem, der Film »Konklave« sehenswert. Den langen Tag beschließe ich in der »Osteria« neben dem Hotel.
Samstag. Das Frühstück begeistert mich. Es gibt mehr als mein Magen begehrt, der Frühstücksraum ist wie das ganze Hotel hell und dezent eingerichtet und zudem erstaunlich leer und ruhig. Das Wetter macht Lust, draußen zu sein. Am Tag vor der Wahl drängen sich die Stände der Parteien in der Innenstadt. Um den der AFD herum fällt die starke Polizeipräsenz auf. Wie ich später erfahre, formiert sich am Opernplatz eine Versammlung gegen Rechts. Mein erster Anlaufpunkt ist der »Bauch der Stadt«, die Markthalle, offensichtlich ein rege genutzter Treffpunkt für Schlemmerinnen und Schlemmer. Ich bin schon satt und gehe weiter zur Leine, an deren Ufer der niedersächsische Landtag im »Leine-Schloss« residiert. Daneben beeindruckt ein Denkmal, die »Göttinger Sieben«, das laut Wikipedia an »den Mut von sieben Göttinger Hochschulprofessoren, unerschrocken für Freiheit und persönliche Überzeugungen einzutreten« im Jahre 1837 erinnert. An das Landtagsgebäude schließt sich das Zeughaus an. Und eine Welle für Surverinnen und Surver – ähnlich der in München an der Isar – verführt Unerschrockene zu kürzerem oder längerem Kurven auf der Leine.
Den im Touristenführer als kulturelles Highlight angekündigte samstäglichen Flohmarkt am Flussufer gibt es leider erst wieder ab März. Die Nanas der Künstlerin Niki de Saint Phalle, die in der Stadt überall ihre Spuren hinterlassen hat und im Jahre 2000 zur ersten und bisher einzigen Ehrenbürgerin der Stadt ernannt wurde, sind noch da. Dort werde ich – wegen meiner um den Hals baumelnden großen Kamera (»Sie sind doch Profi«) – gebeten, ein Handyphoto der Dreiergruppe vor einer der drallen Figuren zu machen. Das mache ich gerne und wir kommen ins Gespräch. Vater, Tochter und deren Lebensgefährte sind touristisch unterwegs, wobei der Vater sich als Hannoverkenner entpuppt, der sich als Jugendlicher in Hannover »verliebte«, wie er bekennt. Ich erzähle, was mich hierher gebracht hat und flugs ist meine »Begegnung des Tages« im Kasten, für die sich das junge Paar aus Salzbergen bereitwillig ablichten lässt. Perfekte Models!
Nun, der Tag ist noch jung, so bleibt Zeit, der Innen- bzw. Altstadt, in der sich immer wieder reizvolle Flecken, z. B. der Ballhof oder das älteste Fachwerkhaus der Stadt, finden lassen, einen weiteren Blick zu schenken. Ein Modegeschäft, das seine Waren in der Außenwerbung nicht an Magermodels, sondern an »echten« Frauen präsentiert, veranlasst mich zu einer näheren Inspektion. Das passende Oberteil, das meinen Stau am mittleren Ring adäquat kaschiert und mir zudem gefällt, finden wir zwar trotz ausdauernder Bemühungen des Besitzers Jörg Brakel nicht, aber wir führen ein nettes Gespräch – auch eine schöne Begegnung!
Ich schlendere Richtung Steintor – die Bahnen fahren wieder – um mich zu den Herrenhäuser Gärten kutschieren zu lassen. Ganz offensichtlich gehören die Schaufenster zur Rechten Prostitutionsbetrieben. Und das Gebäude vorne links an der Goethestraße erinnert frappant an die »einstürzenden Neubauten« im Medienhafen in Düsseldorf. Und tatsächlich hat sich die ÜSTRA den amerikanischen Stararchitekten Frank Gehry geleistet, um ihren »Gehry-Tower«, der 2001 eingeweiht wurde, planen zu lassen.
Nun also mit der 5 in den Nordwesten der Stadt zu den Herrenhäuser Gärten, die Sophie von der Pfalz, Kurfürstin von Hannover, Ende des 17. Jahrhunderts nach französischem Vorbild als barocke Gartenanlage gestalten ließ. (Kleiner Abstecher in die interessante Historie der Stadt: Von 1636 bis 1866 war Hannover Residenzstadt der Welfen, die für etliche Bauten, die noch heute das Stadtbild prägen, verantwortlich zeichnen, u.a. das Leineschloss (s.o.) und das Welfenschloss, in das 1879 die heutige Gottfried Wilhelm Leibniz Universität einzog (s.u.). 1714 bis 1837 wurden Hannover und England in Personalunion von den gleichen Herrschern regiert. Danach bestieg in England Queen Victoria den Thron und in Hannover König Ernst August, dem man bis heute in mannigfacher Form in Hannover begegnen kann.) Etliche Hochzeitspaare tummeln sich – im Bemühen um das perfekte Hochzeitsfoto sichtlich gestresst – in dem durchgestylten »romantischen« Park.
Noch ein Tee in der »Schloßküche«, dann geht es zurück – diesmal mit der 4 – nicht ohne auf dem Weg der Gottfried Wilhelm Leibniz Universität (Welfenschloss s.o.) einen Abstecher zu gönnen. Der »Universalgelehrte« (1646–1716), heute würde er wohl als »hochbegabt« gelten, kam der Karriere wegen in die Stadt, erwies sich als genialer Erfinder und wird in vielfacher Form (z. B. Leibniz-Keks) geehrt.
Bei »Kröpcke« verlasse ich die Bahn und setze meinen Weg in der Niki-de-Saint-Phalle-Passage und unter dem Bahnhof durch in die Lister Meile – ein Tipp (»Dort kaufen die Hannoveraner ein.«) meiner »Begegnung des Tages« (Danke!) – auf Ulis Rappen fort und lerne so einen bunten, lebendigen Stadtteil kennen, der nicht nur über zahlreiche Geschäfte und gastronomische Betriebe verfügt, sondern auch ein hübsches, gepflegtes Wohnviertel darstellt.
Die Füße tragen bis zum Lister Platz. Dort nehme ich den Bus 100, der mich vors Hotel fährt. Zum Abendessen begebe ich mich ins »Hiller«, das ein Jahr vor mir »geboren« wurde und damit das älteste vegetarische Restaurant Deutschlands ist. Das Speiseangebot ist sehr überschaubar und trifft mit Fleischersatzprodukten – ich esse weder echte tote Enten noch nachgemachte – nicht meinen Geschmack. Doch der Laden brummt, den Leuten scheint es zu schmecken.
Sonntag. Pünktlich um 11.36 Uhr verlässt der RE 2 den Hauptbahnhof. Der Zug pendelt zwischen Göttingen und Hannover und offensichtlich bleibt zwischendurch keine Zeit, ihn (innen und außen) zu säubern. Die Fensterscheiben sind so verdreckt, dass die Landschaft draußen nur erahnt werden kann. Positiv: Laut Ansage herrscht hier ein »generelles Alkoholverbot«. Die Bahn erreicht Göttingen pünktlich und die RB 83 verlässt Göttingen um 13.14 Uhr – rappelvoll – ebenso. Die einen starren auf ihr Handy, die anderen stoisch vor sich hin. Einer telefoniert ununterbrochen, andere versuchen, zu dösen. Zu viel Mensch auf zu wenig Raum. In Kassel Hbf fährt der Zug mit ein paar Minuten Verspätung ein. Der Umstieg klappt, der Anschlusszug RE 30 steht auf dem Gleis gegenüber. Auch er ist gut gefüllt, immerhin etwas geräumiger. Bis Frankfurt Hbf läuft alles glatt. Auf dem Bahnsteig höre ich, dass ein Zug nach Mannheim ausfällt. Entsprechend voll wird es in meinem, der 17.12 Uhr losfahren soll. Dort heißt es dann, dass sich »die Abfahrt wegen erheblichen Problemen im Stellwerk um unbestimmte Zeit verzögert«. Schließlich werden wir gebeten auszusteigen, der Zug fällt aus. Ich suche nach Alternativen, evtl. ein Zug nach Heidelberg, bis ich erfahre, dass auch die Strecke über Darmstadt gesperrt ist. Auf dem Bahnhof herrscht Chaos, die Leute sind ratlos. Meiner Beobachtung nach scheinen die ICE-Züge zu fahren. Weitere Kosten? Ich warte. Etwa um 17.45 Uhr wird schließlich angesagt, dass die Bahnen über Darmstadt nach 18 Uhr wieder zum Einsatz kommen. Also zu Bahnsteig 10, der sich nach und nach mit anderen Gestrandeten füllt. Dort soll die RB 68 um 18.06 Uhr abfahren. Der Zug hat bei all dem Durcheinander, das übrigens auf »nicht vorhersehbare Personalprobleme im Stellwerk« zurückzuführen ist, natürlich auch Verspätung, die sich unterwegs nach und nach erhöht. Ich rechne damit, in Heidelberg die 5 um 19.57 Uhr zu erreichen oder mit einem der Züge, die nach 20 Uhr noch nach Mannheim fahren an den Hbf zu kommen, wo mein Fahrrad auf mich wartet. Nun, der Mensch plant, die Bahn lenkt. Überraschend bietet sich – wie der freundliche Zugführer die »Mannheimer« informiert – an einem Haltepunkt die Möglichkeit, in den RE 60 umzusteigen (»wenn Sie sich beeilen«). Also schnell raus, rasch Treppe runter und Treppe rauf, der Zug fährt ein, geschafft. Die letzte Verzögerung gibt es dann kurz vor Mannheim: »Wie Sie bemerken, geht es derzeit nur schleppend voran. Grund ist eine S-Bahn, die uns überholt hat – fragen Sie mich nicht warum«, so der hörbar genervte Zugführer. Nichtsdestotrotz, wir kommen an. Ich gebe meinem Fahrrad die Sporen, überfahre etliche rote Ampeln – die Schaltung für Radfahrende ist auf dieser Strecke eine Zumutung – und schaffe es so, am heimischen Fernseher noch der Berliner Runde beizuwohnen. Ja, Bundestagswahl war auch noch.