Dienstag 11. bis Mittwoch 13. März 2025
Dienstag. Kalt ist es geworden als ich zu meiner letzten Etappe aufbreche. Die vier »Nordlichter« will ich in einem Rutsch abfahren. Um neun Uhr geht es los mit der 5. Der RE 70 nach Frankfurt steht im Hauptbahnhof bereit. Hell, sauber und leer fährt er mit vier Minuten Verspätung ab. Die erhöht sich bis Frankfurt auf sechs, wo schon der RE 30 nach Kassel wartet, der laut Plan erst in 25 Minuten abfahren soll. So gibt es keinen Stau am Gleis und stressfreies Umsteigen bringt ein Plus für die Qualität der Reise. Draußen regnet es, ich sitze im Trockenen. Dem Reflex auszusteigen, widerstehe ich diesmal in Kassel-Wilhelmshöhe und halte durch bis Kassel Hbf, wo der Umstieg in die Regionalbahn 83 auf dem Gleis gegenüber problemlos klappt, die wiederum pünktlich um 13.46 Uhr den Bahnhof verlässt und punktgenau in Göttingen eintrifft. Hier geht es weiter mit dem ME RE 2 um 15.04 Uhr nach Hannover. Über der Stadt liegt ein dicker gelblicher Nebelschleier und es ist kalt auf dem Bahnsteig. Nun beginnt um 16.52 Uhr (fast pünktlich) der letzte und unbekannte Teil der Reise: Hannover-Bremen. Der RE 8 ist zwar ziemlich voll aber ich finde ein Sitzplätzchen. Er leert sich unterwegs und die Toilette funktioniert (im Gegensatz zu der im letzten Zug). Nach neuneinhalb Stunden Fahrt lande ich um 18.25 Uhr mit 16 Minuten Verspätung wohlbehalten an meinem Zielort.
Für mein Abendessen wähle ich das Restaurant »Katzentempel«, wie mein Hotel in Bahnhofsnähe. Hier dreht sich, wie der Name vermuten lässt, alles um die offensichtlich wertvollen und gepflegten Katzen, die das Lokal bis zur Decke bevölkern. Ich halte sie mir auf Abstand. Das vegane Konzept setzt leider auch hier auf Fleischersatzprodukte. Von meinen Pommes mit Salat – beides gut und frisch – werde ich satt.
Mittwoch. Auf den ersten Blick verliebt sich meine Kamera in die Altstadt. Da kann ich nichts machen! Ihre Chefin zieht es allerdings in die Überseestadt, früherer Überseehafen und nun Bremens jüngstes Stadtviertel. Der Anfang des 19. Jahrhunderts gegründete Hafen an der Weser blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück.
WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH: »Letztlich sorgte die Kombination aus modernen Bedürfnissen und den beengten Verhältnissen zum Ende der Stückgutfracht, ab den Achtzigern für sinkende Umsätze. Ein Gutachten über den baulichen Zustand des Überseehafens sorgte im Jahr 1991 für seine sofortige Schließung. Im Jahr 1998 wurde das Becken mit 3,5 Mio. Kubikmetern Sand verfüllt. Doch bis dahin wurden noch Millionen von Tonnen an Waren umgeschlagen und es gab kaum etwas, was nicht mindestens einmal seinen Bestimmungsort über die Hansestadt erreichte: Baumwolle, Wein, Kakao und Kaffee, Tabak, Holz, Erze, Kohle, Autos und vieles mehr bis hin zu ganzen Lokomotiven. Mehr als hundert Jahre schlug hier das Herz der bremischen Wirtschaft, fuhren Schiffe ein und aus, hoben und senkten sich die Kräne...
... Mit der Verfüllung des Überseehafens 1998, entstand die Grundlage für das Stadtentwicklungsvorhaben Überseestadt. Im Jahr 2000 beschloss der Bremer Senat die »Entwicklungskonzeption zur Umstrukturierung der Alten Hafenreviere in Bremen« und in 2003 wurde der »Masterplan Überseestadt« verabschiedet.
Verschiedene Pläne erhalte ich dazu – wie so oft freundlich und kompetent beraten – von der Tourist-Info in der Altstadt. Die abschnittsweise Sperrung der Straßenbahnstrecke (Linie 3) verhilft mir zu einem Fußmarsch. Durch die Lloydstraße geht es zum Europahafen. Hier weht eine steife Brise und das Gelände ist ausgesprochen weitläufig, was durchaus wörtlich zu verstehen ist. Vor dem Schuppen 1 erregt ein Kaffeeschild meine Aufmerksamkeit. Und siehe da, ich lande im »Zentrum für Automobilität und Mobilität«, in dem neben »Retrocars Bremen«, ein Kaufhaus für alte Autos (und Motorräder) aller Art, wo Trabi und Chrysler einträchtig nebeneinander glänzen, auch ein Bistro mit Bioprodukten einlädt. Ein Teepäuschen ist geboten.
So gestärkt packt mich der Ehrgeiz und ich laufe bis zum Molenturm, dem Endpunkt der Überseepromenade. An sonnigen Sommertagen ist hier sicher viel los. Bei trüb-kaltem Wetter wirkt die reizvolle Gegend ziemlich verlassen. Die Überseestadt wirbt mit gastronomischen Betrieben und Gewerbe aller Art und vermutlich hochpreisigen Wohnungen wie sie auch in Mannheim und Ludwigshafen ans Wasser gebaut wurden. Mir fällt daneben eine Häufung an Schönheitssalons auf. Was das über die hier Wohnenden aussagt, kann nur gemutmaßt werden.
Am Sandwall vorbei, ein drei Fußballfelder großer künstlich geschaffener Strand, geht es zur Bushaltestelle. Um die Füße zu schonen, lasse ich mich bis zur »Brill« von Bus und Straßenbahn kutschieren. Die »Schlachte«, eine von Gastronomie beherrschte Uferstraße an der Weser, will auch noch abgelaufen sein. Da ich viel Zeit habe, zieht es mich über die Fußgängerbrücke zur Weserburg, dem Museum für Moderne Kunst. Die ehemalige Kaffeerösterei wurde umgebaut und beherbergt nun auf fünf Etagen künstlerische Ideen und Objekte unterschiedlichster Art.
Der schönen Altstadt gebührt ein weiterer Besuch.
Am Marktplatz streift mein Blick nicht nur das markante Gebäude der »Bremer Bürgerschaft« (= Landtag), das nun gar nicht zu den hübschen alten Häusern passen mag, sondern auch die Werbebanner von »Manufaktum«. Wer kennt ihn nicht, den kleinen Katalog, der viele Alltagshilfen der robusten (und teuren) Art enthält. Ein wirklich edles Geschäft! An der Brot-, Käse- und Wursttheke komme ich mit der Verkäuferin ins Gespräch, die die Vorzüge ihres Brots in den höchsten Tönen lobt. Ob sie bereit wäre, meine »Begegnung des Tages« zu sein? »Aber gerne«, ist ihre Antwort, die sie mir mit einem zauberhaften Lächeln gibt. Und so lichte ich Waltraut Kuhlmann vor ihrer Wirkungsstätte ab.
Die Bremerin gibt mir außerdem Tipps, die ich noch abarbeiten möchte. Der erste führt mich in die unmittelbar anschließende Markthalle und dort in das »Made in Bremen«. Nein, hier handelt es sich nicht um ein schnödes Andenkenlädchen, sondern ein schmuckes Geschäft, das sich auf regionale Produkte spezialisiert hat. Ich erwerbe einen Bremenkrimi und komme – auf meine Kamera angesprochen – mit dem Verkäufer ins Plaudern. Der nette Mann kennt Mannheim und hat eine Zeitlang in Sandhofen gearbeitet. Noch eine schöne Begegnung.
Ich gehe ein paar Schritte weiter zur Weser runter und mein Blick bleibt an einem mir entgegenkommenden Mann mit Fahrrad hängen. Das ist doch der ...? Ich wende und spreche ihn an. Er ist es und wir verbringen den restlichen Nachmittag im regen Austausch über unsere Projekte.