Ulrike Thomas
Foto und Text


Donnerstag 13. bis Samstag 15. März 2025

Völlig störungsfrei verläuft die Fahrt von Bremen nach Hamburg im RE 4 (10.33 – 11.43 Uhr), ein recht komfortabler Zug. Beeindruckend ist der Hamburger Hauptbahnhof und laut Wikipedia »einer der wichtigsten Eisenbahnknoten Deutschlands. Mit mehr als 550.000 Fahrgästen pro Tag ist er der meistfrequentierte Fernbahnhof der Deutschen Bahn sowie nach dem Bahnhof Paris-Nord der meistfrequentierte Bahnhof Europas.«

Hamburg Hauptbahnhof – Foto: Ulrike Thomas Hamburg Hauptbahnhof – Foto: Ulrike Thomas

Mein Hotel im »Gängeviertel« erreiche ich in einem etwa halbstündigen Fußmarsch (über die Lombardsbrücke an die Binnenalster und am Gänsemarkt vorbei bis zum Dragonerstall). Nach dem Einchecken im »Frauenhotel Hanseatin«, da wohnte ich bei meinem letzten Hamburgbesuch vor sechs Jahren auch, schaue ich mir die Reste des Gängeviertels an. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts waren das labyrinthartige Quartiere aus aufgestockten Fachwerkhäusern, die große Teile der Alt- und Neustadt bedeckten. Auch Johannes Brahms wurde hier geboren, dem die Stadt vor der Laeiszhalle direkt gegenüber von meinem Hotel ein (wenig schmuckes) Denkmal errichtet hat. Das einstige riesige Arbeiterviertel wurde Ende des 19. Jahrhunderts wegen unhaltbarer hygienischer Zustände saniert, bzw. größtenteils abgerissen, im Zweiten Weltkrieg zerstört, bis 1964 zugunsten der aufstrebenden Neubauten weiter reduziert und dann vergessen. Ein Investor wollte die Reste gänzlich beseitigen, bis 2009 die Initiative »Komm in die Gänge« – eine Gruppe aus Kunst-, Architektur- und Hausbesetzerszene – sich der zwölf verbliebenen Häuser annahm. 2010 übergab die Initiative – inzwischen Genossenschaft – der Stadt ein Nutzungskonzept und arbeitet bis heute daran, dass das Gängeviertel ein selbstverwaltetes Stück Stadtkultur bleibt.

Frauenhotel Hanseatin – Foto: Ulrike Thomas
Frauenhotel Hanseatin – Foto: Ulrike Thomas
Gängeviertel1 – Foto: Ulrike Thomas
Gängeviertel1 – Foto: Ulrike Thomas
Gängeviertel2 – Foto: Ulrike Thomas
Gängeviertel2 – Foto: Ulrike Thomas
Gängeviertel3 – Foto: Ulrike Thomas
Gängeviertel3 – Foto: Ulrike Thomas
Gängeviertel – Foto: Ulrike Thomas
Gängeviertel – Foto: Ulrike Thomas

Was die Gruppe mit ihrer Kritik: »Die Hamburger Innenstadt ist ein menschenunwürdiger Ort geworden, an dem nichts anderes möglich ist als Konsum und Event«, meint, lässt sich wenige Straßen weiter bewundern. Tatsächlich reiht sich an der Alster Einkaufspalast an Einkaufspalast, zum Teil in riesigen, glänzenden Passagen, überwiegend auf Produkte aus dem Luxussegment konzentriert. Nun ist Hamburg mit fast zwei Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern nicht nur die zweitgrößte Stadt Deutschlands (hinter Berlin), sondern mit ihrer Lage und ihrer Bedeutung als Hafen- und Hansestadt sicher auch ein attraktiver Standort für Investoren aller Art. Gebaut wird an jeder Ecke. Vor nicht einmal zwei Wochen fand die Wahl zur Hamburgischen Bürgerschaft, das Landesparlament des Stadtstaats, das auch kommunalpolitische Aufgaben wahrnimmt, statt. Sitz ist das schlossartige Rathaus.

Einkaufspassage – Foto: Ulrike Thomas
Einkaufspassage – Foto: Ulrike Thomas
Alsterfleet – Foto: Ulrike Thomas
Alsterfleet – Foto: Ulrike Thomas
Binnenalster – Foto: Ulrike Thomas
Binnenalster – Foto: Ulrike Thomas
Rathaus – Foto: Ulrike Thomas
Rathaus – Foto: Ulrike Thomas

Besonders interessant ist die Geschichte der sogenannten Stadthöfe, die zwischen 2013 und 2020 auf 100.000 Quadratmetern, dem Vorbild der Hackeschen Höfe in Berlin nachempfunden, gebaut wurden. Seit Herbst 2022 gibt es darin auf nur wenigen Quadratmetern, wie die Initiatorinnen und Initiatoren beklagen, den »Geschichtsort Stadthaus«, der an ein lange verdrängtes unrühmliches Kapitel Hamburger Geschichte erinnert. Schon vorher war hier ein wichtiger Polizeistandort. Während des Nationalsozialismus betrieben Schutzpolizei, Kripo und Gestapo (Geheime Staatspolizei) darin ein Verhör- und Verteilzentrum für ganz Norddeutschland, in dem Menschen, die nicht ins Konzept passten, wie Linke, Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle und sogenannte Asoziale systematisch gefoltert, einer Verurteilung zugeführt oder ins KZ weitergeschickt wurden. Der Beharrlichkeit der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN Hamburg) ist es zu verdanken, dass die Erinnerung und deren Orte im Zuge der Baumaßnahmen nicht gänzlich zugeschüttet wurden, sondern ein Dokumentations-, Lern- und Gedenkort im Stadthaus entstanden ist, der an diese Verbrechen erinnert. Zufällig ist heute eine Führung zum Thema anberaumt, an der ich gerne teilnehme.

Gedenken – Foto: Ulrike Thomas
Gedenken – Foto: Ulrike Thomas
Geschichtsort Stadthaus – Foto: Ulrike Thomas
Geschichtsort Stadthaus – Foto: Ulrike Thomas
Geschichtsort Stadthaus2 – Foto: Ulrike Thomas
Geschichtsort Stadthaus2 – Foto: Ulrike Thomas


Freitag. Mein Ziel heute ist »Hilldegarden« in St. Pauli. Auf dem Weg dahin gehe ich an einem beeindruckenden Gebäude vorbei, das im Stil der Neuen Sachlichkeit erbaut ist und der Deutschen Angestellten Gewerkschaft gehört. 

Haus der Deutschen Angestellten Gewerkschaft – Foto: Ulrike Thomas
Haus der Deutschen Angestellten Gewerkschaft – Foto: Ulrike Thomas
Haus der Deutschen Angestellten Gewerkschaft1 – Foto: Ulrike Thomas
Haus der Deutschen Angestellten Gewerkschaft1 – Foto: Ulrike Thomas
Haus der Deutschen Angestellten Gewerkschaft2 – Foto: Ulrike Thomas
Haus der Deutschen Angestellten Gewerkschaft2 – Foto: Ulrike Thomas

Weiter geht es ins Heiligengeistfeld hinter dem Hamburger Dom (= Jahrmarkt). Hier wurde ein Flakturm mit Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg um- und aufgebaut und völlig neuen Nutzungen zugeführt, auch ein Projekt, dessen Ausgestaltung von einer bürgerschaftlichen Initiative begleitet wird. Neben einem Hotel, Gastronomie, kleinen Geschäften, Büros, Ausstellungshallen ... befinden sich in dem Gebäude etliche terrassenförmig angelegte Wohnungen. Das Ganze ist begrünt und man darf dem Klotz über viele Außentreppen auf den Dachgarten steigen. Absolut faszinierend! 

Hilldegarden1 – Foto: Ulrike Thomas
Hilldegarden1 – Foto: Ulrike Thomas
Hilldegarden2 – Foto: Ulrike Thomas
Hilldegarden2 – Foto: Ulrike Thomas
Hilldegarden3 – Foto: Ulrike Thomas
Hilldegarden3 – Foto: Ulrike Thomas
Hilldegarden4 – Foto: Ulrike Thomas
Hilldegarden4 – Foto: Ulrike Thomas
Hilldegarden von oben: Im Vordergrund St. Pauli-Stadion, im Hintergrund Hafen – Foto: Ulrike Thomas
Hilldegarden von oben: Im Vordergrund St. Pauli-Stadion, im Hintergrund Hafen – Foto: Ulrike Thomas

Beim Abstieg treffe ich vor der Georg-Elser-Halle auf eine Frau in meinem Alter, die ähnlich begeistert ist von dem Bau wie ich. Wir kommen ins Gespräch über Politik und dies und das und stellen etliche Übereinstimmungen fest. Angelika Zimmer, die Freiburgerin, die immer wieder in Hamburg weilt, wo ihre Tochter lebt, lässt sich nicht lange bitten und ich habe eine wunderbare »Begegnung des Tages« im Kasten. 

Begegnung des Tages: Angelika Zimmer – Foto: Ulrike Thomas Begegnung des Tages: Angelika Zimmer – Foto: Ulrike Thomas

Nach diesem schönen Erlebnis lasse ich mich vom Bus durch Hamburg kutschieren, sitze während des Regen- und Graupelschauers im Trockenen und lerne so Gegenden kennen, in denen ich als Touristin nie gelandet wäre. Ein Abstecher zur Hafen-City und in die Speicherstadt muss nichtsdestotrotz auch noch sein. Im Fleetschlößchen (Platz ist in der kleinsten Hütte), genehmige ich mir einen Tee und ein Stück Kuchen zu einem stolzen Preis. Hamburg ist eine reiche Stadt und ein teures Pflaster, das fällt immer wieder auf.
Nicht unerwähnt bleiben sollte, dass trotz all des Wassers, riesiger Hafenanlagen und zahlreicher Möwen, ein Ambiente also, das Meernähe vermittelt, die Nordsee noch 100 km von der Hansestadt entfernt ist.

Fleetschlößchen – Foto: Ulrike Thomas
Fleetschlößchen – Foto: Ulrike Thomas
Speicherstadt – Foto: Ulrike Thomas
Speicherstadt – Foto: Ulrike Thomas

Auch der Elbphilharmonie gönne ich einen Blick, arbeite mich – streckenweise unterstützt von einem Bus – zur Landungsbrücke, dann zur Hafenstraße vor und gehe in die Davidstraße. In die Herbertstraße ist wie in die Lupinenstraße in Mannheim der »Zutritt für Jugendliche unter 18 Jahren und für Frauen verboten« (ob das mit dem Gleichheitsgrundsatz vereinbar ist?). Auch die anderen Prostitutionsbetriebe unter anderem auf der Reeperbahn lassen ahnen, dass die Würde der Frau hier mehr als angetastet wird. Ein trauriges Stück Stadtkultur und ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft!

Herbertstraße – Foto: Ulrike Thomas
Herbertstraße – Foto: Ulrike Thomas
Reeperbahn – Foto: Ulrike Thomas
Reeperbahn – Foto: Ulrike Thomas

Auf dem Rückweg zum Hotel begrüße ich den »Michel« und lande zufällig in einem Quartier, das eine Wohltat für meine Augen darstellt, das Komponistenviertel. Die Fachwerkhäuser sind teilweise noch im Originalzustand und renoviert oder den Originalen mit echter Handwerkskunst nachgebaut. Beim Teepäuschen in einem netten kleinen Café schreibe ich diesen Text.

Peterstraße1 – Foto: Ulrike Thomas
Peterstraße1 – Foto: Ulrike Thomas
Peterstraße2 – Foto: Ulrike Thomas
Peterstraße2 – Foto: Ulrike Thomas

Mit einem sehr leckeren vegetarischen Abendessen in einem hotelnahen libanesischen Restaurant kröne ich meine Hamburgerfahrung und setze die Reise am nächsten Tag bereichert und zufrieden fort.