Samstag 15. bis Montag 17. März 2025
Samstag. Weiter geht’s um 11.21 Uhr mit dem RE 1 von Hamburg nach Schwerin. Auch hier wird der Zug lange vor der Abfahrt bereit gestellt und erspart den Reisenden das Warten auf dem zugigen Bahnsteig, was ich bei einer Außentemperatur, die knapp über der Eisgrenze liegt, besonders schätze.
Schwerin empfängt mich mit Sonnenschein und einem beeindruckenden Polizeiaufgebot schon am Bahnhof. Ein netter Polizist gibt mir Auskunft. Nein, es handelt sich nicht um Fußballfans, die hier erwartet werden, sondern die »Reichsbürger« halten heute in Schwerin ihre größte Veranstaltung in Deutschland ab. Auch mehrere Gegendemos sind angemeldet. Zu meinem Hotel muss ich ans gegenüberliegende Ufer des Pfaffenteichs. Danach führt mein erster Weg zur Tourismus-Info am Marktplatz. Viele schöne und meist liebevoll restaurierte Häuser durchziehen die Innenstadt. Nun, die Hauptattraktion ist zweifelsohne das Schloss, das Mitte des 19. Jahrhunderts zur prachtvollen Residenz umgebaut wurde, basierend auf einer Schlossanlage, deren Ursprünge mehr als 1000 Jahre zurück reichen. Heute ist der Prachtbau auch Sitz des Landtages von Mecklenburg-Vorpommern. 2024 wurde das Schloss, das im Historismus erbaut ist, mit weiteren Residenzbauten in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen. Beim Durchstreifen der herrschaftlichen Räume des Schlossmuseums, wandert mein Blick immer wieder nach draußen zu der wunderschönen Seenlandschaft (Schweriner See), in der das Schloss auf der »Liebesinsel« liegt.
Auf dem Treppenabgang im Schloss spricht mich eine Frau an mit der Frage, ob ich ein Foto von ihr und ihrem Begleiter machen könnte – und zwar nicht wie üblich mit dem Handy, sondern mit meiner Kamera. Der Bitte komme ich gerne nach. Ich erfahre, dass sie sich vor wenigen Minuten kennengelernt haben als er sie mit seiner »Rosi« (ein selbstgebauter Zeichenapparat) porträtiert hat. Die Schwerinerin und der Schweriner sind künstlerische Multitalente. Gitta Wolff, diplomierte Biologin, agiert als Tänzerin und Sängerin, und Gerald Hross ist studierter Designer und unter anderem als Illustrator tätig. Klar lassen sich die zwei für meine »Begegnung des Tages« porträtieren. Und wir freuen uns alle drei, dass wir uns getroffen haben.
Als ich zum Staatstheater am »Alten Garten« zurückkomme, sind die Reichsbürger, die hier ihre Zelte aufgebaut haben, – etwa 600 sind gekommen – weg. Laut deren Sprecher, dem ich eine Zeitlang zugehört hatte, lebt ein Großteil ihrer Anhängerinnen und Anhänger in diesem Bundesland, laut Verfassungsschutz »fast 700«.
Auf dem schönen und noch sonnigen Marktplatz nehme ich auf der Terrasse der ehemaligen Markthalle einen wärmenden Drink, bevor ich im vegetarischen Restaurant um die Ecke meinem Magen etwas gönne. Für heute lasse ich es gut sein und begebe mich zu meinem Gemach mit dem schönen Blick auf den See.
Sonntag. Heute steht um 11 Uhr ein geführter Stadtrundgang auf meinem Programm. Die Führerin, selbst in Schwerin geboren und aufgewachsen, erweist sich als exzellente Kennerin nicht nur der Stadtgeschichte, sondern auch des sozialen Lebens früher und heute. Schwerin ist mit etwa 98.000 Einwohnerinnen und Einwohnern die kleinste Landeshauptstadt der Bundesrepublik. Die 130 Quadratkilometer Fläche sind zu einem Drittel bebaut und bestehen zu zwei Dritteln aus Natur. Ein Drittel der Gesamtfläche ist Wasser unter anderem in Form des Schweriner Sees. Auch hier gab es nach der Wende einen Einwohnerschwund. Viele gingen in den Westen zum Arbeiten oder in andere Städte zum Studieren. Inzwischen haben vor allem die Älteren aus dem Westen die Stadt als Alterssitz entdeckt. Und die Preise sind gestiegen, vor allem für Immobilien. Wir schlendern an hübsch restaurierten Häusern entlang, die – zum Teil stark vernachlässigt – laut Stadtführerin Plattenbauten hätten weichen sollen, wäre der Abriss nicht durch die Wende und eine Bürgerinitiative verhindert worden. Dass es sie überhaupt noch gibt, ist der Tatsache zu verdanken, dass Schwerin im Zweiten Weltkrieg vom Bombenhagel weitgehend verschont blieb. Auch auf die zwei Löwenbänke weist uns die Führerin hin und erzählt, dass sie einst vor einer Apotheke standen, wo Leidende mit Medizin und Alkohol behandelt wurden.
Nach der Führung werfe ich noch einen Blick in den Schlosshof, der gestern wegen der Reichsbürger geschlossen war. Die geplante Schifffahrt durch die Seenlandschaft schenke ich mir, es ist zu kalt. Stattdessen wärme ich mich im Café Prag auf und schreibe diesen Bericht.
Auf dem Weg zum Hotel nehme ich noch eine Ausstellung in der MV-Fotogalerie mit und beschließe den Tag im warmen Zimmer.